Letzten Freitagabend rief mich ein neuer Kunde (Fotograf) an, für den ich bisher nur ein Angebot geschrieben habe. Es sei super dringend, ich müsste sofort, und seine Existenz hänge nun von meiner Kooperation ab. Er bräuchte auf der Stelle einen Kartenleser. Die Frage nach dem “Warum” könnten wir später klären, ich solle nur sagen Ja oder Nein.
Naja, neuer Kunde, Potential war auch da, so bot ich ihm an gleich loszufahren, und ihm meinen Kartenleser leihweise zur Verfügung zu stellen.
Also stand ich eine halbe Stunde später in seinem Eingangsbereich. Herr Eigner, der ein wenig aussieht wie Sean Connery, stürmte wie ein Wahnsinniger durch die Gegend. Dabei wurde er verfolgt von einem kleinen pummeligen Mann mit einem Schreibbrett in der Hand, der ihm im Abstand von 30 Sekunden die Uhrzeit vorbetete. Im Studio war ein Junge anfang 20 gerade dabei, Lampen zu positionieren und anzuschließen. Dabei war nicht zu übersehen, dass er davon offensichtlich keine Ahnung hat. Im Nebenraum war eine Frau damit beschäftigt, Käse- und Wurstplatten für geschätzte 400 Leute auf einem 1×1 m. großen Tisch zu platzieren. Die Situation zu beschreiben ist schwer. Chaos wäre untertrieben.
Ich passte Herrn Eigner ab, als er gerade mit Überschall an mir vorbei raste, und wollte den Kartenleser überreichen.
“Was soll ich denn damit? Drinnen im Studio steht mein Notebook, schließen sie das Teil da an, aber so dass es auch funktioniert. Kopieren sie am besten gleich die Bilder von der Karte die da liegt auf den Rechner.”
Noch ehe ich antworten konnte war er schon wieder weg. Also ging ich schnellen Schrittes ins Studio und lief in Richtung Rechner. Der Teenager versuchte gerade eine Lampe in 2 Metern Höhe zu drehen, was aufgrund seiner Größe zum unlösbaren Problem wurde.
Noch ehe ich den Schreibtisch erreicht hatte ertönte auch schon wieder Herrn Eigners Stimme.
“Mensch helfen sie doch dem Jungen, bevor meine ganze Ausrüstung in Schutt und Asche liegt. Sind die Bilder schon kopiert?”
itdepp: “So gut wie”
Ich drehte also kurz die Lampe, steckte den Kartenleser an und startete den Kopiervorgang. Meine Hand hatte die Maus noch nicht verlassen, da ertönte schon wieder Eigners Geschrei:
“Mensch, das ist doch der falsche Ständer. itdepp, helfen sie doch dem Jungen, bevor meine ganze Ausrüstung in Schutt und Asche liegt”
Also gut. Wie bereits erwähnt, wird von IT-lern erwartet alles zu können was ein Kabel hat. Und Kabel gab es hier jede Menge. In einem kurzen Gespräch mit dem Kerl stellte sich heraus, dass dieser wohl wirklich keine Ahnung hatte was er hier tat. Er sei lediglich mal dabei gewesen als man sowas Ähnliches abgebaut hätte. Der eigentliche Assi vom Josef (Eigner) hätte sich wohl im Tag geirrt und sei mit dem Großteil der Ausrüstung an den Gardasee gefahren. Übrig geblieben wären nur die Scheinwerfer, eine Kamera und zwei alte kleine Speicherkarten.
So langsam wurde mir klar was der Ursprung für dieses Chaos war.
Also erinnerte mich an meine alten Zeiten als Veranstaltungstechniker, und half die Scheinwerfer aufzubauen. Das Ganze ging erstaunlich gut, da es einen handgeschriebenen Plan gab wo alle Komponenten nummeriert eingezeichnet waren. Als ich gerade den letzten Ständer auseinander klappte erklang wieder Eigners zauberhafte Stimme:
“Mensch itdepp, passen sie damit ja auf. Nicht das meine Ausrüstung in Schutt und Asche liegt.”
Kurze Zeit später stand alles an Ort und Stelle. Der Junge, der übrigens Simon hieß, und ich, bewunderten unsere Arbeit als Herr Eigner strahlend den Raum betrat. In der Hand hielt er ein gewaltiges Objektiv, was er wohl nach stundenlangem Suchen endlich gefunden hatte.
“Mensch itdepp, das sieht ja ganz ordentlich aus. Schalten sie doch mal ein. Sind die Bilder kopiert? Wo ist die Speicherkarte?”
itdepp: “Bilder sind kopiert, Speicherkarte liegt hier, einschalten tun sie bitte selber, nicht dass alles anfängt zu brennen und ihre Ausrüstung in Schutt und Asche liegt”
Ich gebe zu, dieses Zitat war gewagt, aber anscheinend angebracht. Zumindest klopfte er mir auf die Schulter und meinte nur: “Da haben sie recht, sicher ist sicher”
Er rückte noch ein bisschen an den Ständern, wackelte an einigen Kabeln und machte Funktionskontrolle. Alles gut.
Er freute sich, der Mann mit dem Klemmbrett freute sich, Simon freute sich und ich freute mich nun endlich dieses Irrenhaus verlassen zu dürfen.
Doch noch ehe ich zur Verabschiedung kam, wurde Eigners Stimme wieder ernster. Er zog mich zur Seite und gab den nächsten Auftrag: “itdepp, jetzt gehn’ se mal rüber zu meiner Frau, und haun’ sich anständig den Magen voll. Dat wird ne lange Nacht für uns Beide. Ich mach heute Abend Bilder für nen Katalog für Frauen mit Hängebusen und Bauchspeck. Ich hab nur zwei kleine Speicherkarten, das heißt solange ich mit der Einen Bilder mache, müssen sie die Andere wieder leeren. Das muss zügig und zuverlässig gehen, dazu sind der Junge und meine Frau zu blöd. Ein Nein akzeptiere ich nicht, ich bezahle sie auch.”
Naja, eigentlich war ich für den Abend verabredet. Und so wirklich sympathisch war mir der Kerl auch nicht und die Aussicht auf Frauen mit Hängebusen und Bauchspeck motivierte ebenfalls nicht sonderlich. Doch ich wollte den Kunden nicht verlieren, also sagte ich zu.
Der Katalog war für eine mir unbekannte Firma, die Dessous speziell für Frauen mit Problemzonen herstellte. Dazu waren an diesem Abend circa 30 Frauen geladen, wo mit unterschiedlicher Unterwäsche Vor- und Nachherbilder gemacht werden sollen.
Als die Damen jedoch langsam eintrudelten, war ich ziemlich erstaunt. Denn keine von Denen hatte mit Problemzonen zu kämpfen. Hier waren durchweg straffe Oberweite und schmale Hüften angesagt. Der Klemmbrett-Mann, wohl Veranstalter und Regisseur der ganzen Aktion erklärte mir darauf, dass es via Bildbearbeitung wohl deutlich einfacher wäre Problemzonen zu erstellen, wie wegzumachen. Zaubern könnten diese Wunder-BHs ohnehin nicht, der Computer aber schon.
Also saß ich am Freitagabend/Nacht ca. 6 Stunden in einem Studio, wo makellose Frauen in Unterwäsche in posierten.
Es war teilweise sehr stressig, da außer Bilder kopieren und sortieren auch noch Lichter verrückt und Blitze positioniert werden mussten. Und da die Damen nur Unterwäsche trugen war der Raum entsprechend beheizt, was mir nach kurzer Zeit schon den Schweiß auf die Sitrn trieb.
Nun muss man sagen, dass ich äußerst professionell bin, und hier weder gegafft noch gesabbert habe. Aber es wäre gelogen zu sagen, dass es kein schöner Auftrag gewesen wäre.
Als gegen 2 Uhr die letzten das Feld räumten und wieder Ruhe einkehrte lobte mich Herr Eigner. Ich hatte meine Aufgabe wohl ganz gut gemacht, dafür dass ich keine fotografische Ausbildung hatte.
“Nächste Woche ist mein Assi zwar wieder da, aber ob ich nun ihn bezahle oder sie ist egal. Ich hätte da den gleichen Auftrag nochmal nur mit Männermode. Interesse?”
Nein danke.
Letzte Kommentare